Mädchen für Alles

Zwischen Realität und Rechtslage

Posted in Meinung, Musik, was ich noch zu sagen hätte by lovesonic on 14. January 2012

imho | Einer der besten Filme, der meiner Meinung nach je gedreht worden ist, ist High Fidelity. Dass die Grundlage dafür eins der besten Bücher war, das je geschrieben wurde, muss ich eigentlich nicht extra erwähnen.
In dem wunderbaren Plattenladen jedenfalls, in dem ein großer Teil einer der besten Geschichten, die sich je jemand ausgedacht hat, stattfindet, gibt es ein Spiel zwischen dem wunderbaren Jack Black und dem wunderbaren John Cusack das darin besteht, für alle möglichen und unmöglichen Anlässe, Rubriken oder Lebensereignisse eine persönliche Top-Five-Liste zu erstellen. Grandiose Idee, Herr Hornby!
So grandios, dass mich dieses Konzept, das Musik und Leben sozusagen fusioniert, bis heute nicht mehr losgelassen hat. Seit damals träume ich ihn also, den Traum vom Musikblog.

Warum eigentlich nicht?

Ich hab mehrmals irgendwie, irgendwas angefangen, wieder verworfen, Konzept geändert, in Anfällen von Panik Content gelöscht und am Ende doch immer wieder den Stöpsel gezogen.
Warum? Weil ich gerne, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, nicht gegen bestehendes Recht verstoßen will. So bin ich einfach. Vielleicht ist das ein Stück weit übertrieben und uncool, aber das Risiko geh ich ein. Bisher war also die einzige Lösung für mich, mich aus der Sache rauszuhalten. Dann kam simfy und ich hab mich gefreut. Ich hab mich sogar so gefreut, dass ich direkt zahlendes Mitglied geworden bin und auf einmal rückte das Projekt Musikblog endlich in greifbare Nähe.
Voll motiviert hab ich mir drei Freunde mit ins Boot geholt und begeistert eine neue Domain registriert. Dann ging’s auch schon los mit den ersten Rückschlägen. Nein, simfy erlaubt kein Einbetten von Liedern, das war nur eine vorübergehende in Facebook verfügbare Funktion. Also gut, dann wenigstens verlinken, was, nicht alle Lieder sind für nicht-zahlende Hörer verfügbar? Schade eigentlich. Aber gut wie oft wird das vorkommen, dass wir uns ausgerechnet ein Lied aussuchen, für das sich weder ein legaler youtube-Link, einer von der Plattenfirma oder Künstlerwebseite finden lässt und das dann auch noch durch das simfy-Raster fällt. Bis vor zwei Stunden hab ich es noch geschafft mir blauäugig einzureden, dass ich dieses Mal nicht vor den immensen Einschränkungen kapitulieren werde, die dadurch entstehen, dass, wenn man Musik gerne mag und einen diese in allen Lebenslagen begleitet, man eben nicht einen eingebauten Filter hat, der es einem erlaubt nur die Sachen bahnbrechend und lifechanging zu finden, die copyright-free sind oder zumindest irgendwo legal gestreamt werden können.

Ja, warum nicht?

Ich weiß, es gibt Millionen von Bloggern, denen ist das alles völlig Schnuppe. Die laden fröhlich Lieder auf Tumblr hoch und betten Youtube-Videos aus Accounts ein mit lustigen Namen, die relativ klar darauf hindeuten, dass es sich hier nicht um die Plattenfirma handeln kann.
Warum machen die das? Ganz einfach, weil es geht. Die Realität sieht nun mal so aus, dass es technisch und auch von der Verfügbarkeit möglich wäre, jedes Lied direkt auf meinem Blog zu streamen. Und ja, wenn ich einen Blogpost über Musik lese, will ich mir die direkt anhören und nicht erst ein zweites Fenster öffnen oder den Titel selber googeln.
Und hier ist er auch schon, der Moment wo der Frosch ins Wasser springt, wo sich die Katze sozusagen in den Schwanz beißt. In der Regel kostet es mich 10 Sekunden irgendein Musikstück in die Suchmaschine meiner Wahl einzugeben und es mir irgendwo im WWW anzuhören. Musik ist online verfügbar. Das ist Fakt.
Ob das in jedem oder sogar in den meisten Fällen konform ist mit der geltenden Rechtslage, ist sicherlich fraglich, das will ich keinesfalls abstreiten. Worüber es sich allerdings sehr wohl streiten lässt ist, was überhaupt die Rechtslage darstellt. Das kann nämlich niemand mit Sicherheit sagen. Die Realität hat sozusagen die Rechtslage überholt. Irgendwie will sich die Rechtslage aber der Realität nicht anpassen, da wird vielmehr versucht die Realität mit Abmahnungen und Co. Gewalt an die Rechtslage anzupassen.
Es gibt zig Ideen, wie man mit der veränderten Situation und deren Auswirkungen für Künstler umgehen könnte. Kulturflatrate und wie sie sonst noch heißen. Irgendwer hat irgendwie vermutlich ein relativ großes Interesse daran, dass alles so bleibt, wie es ist wieder so wird, wie es war. Also kann man sich entweder selbst zensieren und nur über Content schreiben, der entweder frei verfügbar ist, oder für den sich ein legaler Link finden lässt, oder man sucht sich mit etwas Glück nur Künstler raus, die selber oder wohl eher deren Plattenfirmen ein Auge zudrücken oder man lässt es eben bleiben.

Wie? Jetzt trotzdem?

Bis vor zwei Stunden also war ich noch ein glücklicher Musikblog-Novize und hab mit Begeisterung ein Lied für den ersten Blogpost ausgesucht. Eins der coolsten Dinge, die ich je im Netz gefunden habe, sollte es werden. Ein Cover von Britney’s “Gimme More” von der wunderbaren Marié Digby (kann man mal googeln, wenn man will, lohnt sich). Nach einem Tag hab ich’s wieder runtergenommen. Vielleicht war das übereilt und auch unnötig und möglicherweise auch uncool. Aber egal ob Justin Bieber seine steile Karriere Covern zu verdanken hat, die ihn auf Youtube bekannt gemacht haben und auch egal, ob unzählige Musiker unzählige Interpretationen bekannter Musikstücke auf einer Plattform veröffentlichen, die wenn sie wirklich hundertprozentig konform mit der Rechtslage operieren würde, im Grunde niemanden interessieren würde. Ohne das Einverständnis des Urhebers sein Werk aufzuführen bzw. aufzunehmen (hier befinden wir uns mal wieder in einer ungeklärten Grauzone) ist eine Urheberrechtsverletzung. Wenn ich ein solches Video einbette oder auch darauf verlinke, verstoße ich gegen die Rechtslage. Da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich möchte einfach keinen nicht-/un-/il-legalen Content auf meinem Blog haben. Also wird es wohl keine Coversongs auf dem Musikblog geben. Schade eigentlich.
Den Blog wird’s allerdings schon geben, irgendwo zwischen Realität und Rechtslage. Ich hoffe und bedauere auch ein bisschen, dass er weitaus näher an der Rechtslage als an der Realität existieren wird. Ich hoffe, wir werden trotzdem mindestens genauso coole Musik-Debatten haben wie Jack Black und John Cusack, aber da mach ich mir eigentlich keine großen Sorgen.

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